Freitag, 4. August 2017

Von ausgetretenen Pfaden und einer Technifizierung des Vokabellernens

Why Mistakes Matter in Creating A Path For Learning – eine Frage, der Claudia Wallis in einer Kolumne in The Hechinger Report auf den Grund geht. Sie streicht dabei heraus, dass der Moment, in dem wir einen Fehler begehen und verbessert werden, als besonders lernbegünstigend zu sehen sei. Lernen erfolge aus dem Fehler heraus. Es gehe nicht darum, vorgefertigte Wege einzuschlagen, sondern neue Ansätze zu suchen, kreative Lösungswege zu gehen. Das Erkennen eines Fehlers, das Überrascht-Sein, dass etwas falsch ist und vor allem die Anstrengung, sein Vorwissen zu ändern, seien im und für den Lernprozess zentral. Dabei zitiert die Autorin einige Studien, die die Entwicklungsstränge in der „Fehlerkultur“ Amerikas beleuchten. Die Ergebnisse lassen sich jedoch nicht auf Amerika beschränken, haben vielmehr auch für Österreich oder Kontinentaleuropa ihre Geltung.

Quelle: Pixabay (Pixabay-Lizenz)

Wer immer nur den sicheren Weg geht, wird nichts Neues lernen, vielmehr in einen alltäglichen Trott fallen. Wer den Blick nicht nach links und rechts wagt, wird vorhandene Angebote übersehen, den ausgegangenen Weg anderer nachgehen. Zahlreiche Sprüche gibt es hierzu, beispielsweise den Aphorismus von Klaus Klages „Wer mit der Herde geht, kann nur den Ärschen folgen.“ oder  Oliver Cromwells „Wer aufhört, besser sein zu wollen, hat aufgehört, gut zu sein.“ Gerade wenn man sich falsche Lösungen ansieht, erkennt man die Ursache der Fehler, der falschen Annahmen. Das kann zu einem nachhaltigeren Lernprozess führen. Die Performanz weist auf fehlende oder schwache Kompetenz hin. Die Lücken im Hintergrund sollten geschlossen werden; der Schein des bekannten Weges, egal ob es sich um Strukturen beim Sprachenlernen oder Lösungswege in der Mathematik handelt, muss durchbrochen werden. Solange das Auswendiglernen und unreflektierte Wiedergeben von Phrasen im Sprachunterricht dazu führt, dass man „gute Noten“ bekommt, solange wird kein Lernprozess stattfinden. Auswendiglernen von Mustern und Strukturen ist ein Anfang, kann aber nicht das Ziel des Lernprozesses sein.

Quelle: Pixabay (Pixabay-Lizenz)

Einen schönen Überblick über Fehler, die man beim Lehren von Grammatik machen kann, gibt Jennifer Gonzalez in How to Deal with Student Grammar Errors. Dabei stellt sie lapidar fest, dass Drill-Übungen nicht unbedingt zweckdienlich sind, dass ein kontextbefreites Üben und Drillen von Grammatik keinen Sinn macht, was die Autorin auch über Studien stützt. Sie schlägt deshalb vor, 1) den Lernenden Zeit zum Lesen und Schreiben zu geben, 2) eine Ressourcensammlung zu beliebten Grammatik-Fehlern anzulegen, die man den Lernerinnen und Lernern zur Verfügung stellen kann, 3) den/die Lernende/n als Individuum zu sehen und mit individuellen Übungen zu versorgen („Binnendifferenzierung“) und 4) die Anwendung der richtigen Grammatik als Prozess zu sehen. Hierzu führt sie an, dass auch Erwachsene, wenn sie beispielsweise in Sozialen Netzwerken schreiben, Fehler machen.

Eine Sprache zu lernen, ist mühsam. Das Lernen selbst ist ein Prozess voller Experimente, Fehler und Erfahrungen. Es gibt zahlreiche Apps und Online-Nachhilfe-Möglichkeiten, wie sie auch von Stern TV beispielsweise zusammengetragen wurden. Es gibt so interessante Blogbeiträge wie Technofy Your Vocabulary Instruction. Es gibt zahlreiche Zugänge, wie man Sprachen aktiv anwenden und somit üben kann. Letztlich aber liegt es am Individuum und der Art des Feedbacks, das es bekommt. Gleichzeitig sollten die Lernmotive des Individuums berücksichtigt werden.

Quelle: Pixabay (Pixabay-Lizenz)

Lisa Rosas Artikel Das Elend mit der Motivation sei hierzu als Lektüre empfohlen. Ich habe beim Lesen genickt und so einiges aus meiner Zeit als Schülerin und Lehrerin wieder gefunden. Warum lernen wir? Müssen wir Dinge lernen, die wir nie wieder brauchen? Wissen wir, ob wir etwas wieder brauchen? Warum stört mich das „Müssen“ hier so? Ist es verkehrt, wegen Anerkennung zu lernen? Sollte Lernen ein Prozess zwischen dem Ich und den Anderen sein? Ich habe keine Antworten. Ich weiß nur für mich, dass ich Fehler schätze und meine Schüler/innen und Studierenden dazu ermutige, neue Wege zu gehen, sie manchmal ins kalte Wasser werfe, damit sie die ausgetretenen Pfade verlassen. Manchmal sollte man die Komfortzone verlassen, etwas Neues und Ungewohntes probieren. Finde ich halt…

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